Callen & Anleiten
Was ist der Unterschied zwischen Callen und Anleiten?
Worauf muss ich als Tanzlehrer achten, wenn ich einen neuen Tanz anleite?
Was sind Must-haves, Nice-to-haves und No-gos?
Und was macht gutes Callen aus?
Auf den I. Corner Ball war dies der letzte, einstündige Workshop, in dem wir diese und weitere Themen besprochen haben. Dabei sind diese Inhalte nicht nur für Anleitende sinnvoll, sondern auch Tänzer können ihr Verständnis für das tanzen mit diesen Theme aufbessern.
Einleitung
Mal selbst vor einer Gruppe von Menschen zu stehen und einen Tanz zu erklären ist eine wunderbare Art, Tänze aus einem neuen Winkel zu betrachten und für sich selbst nochmals besser zu lernen. Insbesondere das Gefühl, wenn ihr einen Tanz angeleitet und gecalled habt und euch anschließend eine Gruppe Menschen freudestrahlend anguckt, ist eine großartige Motivation, sich mal einen Ruck zu geben und selbst anzuleiten. Leider hilft einem diese Vorstellung nicht dabei, besser im Anleiten und Callen zu werden.
Daher wollen wir uns in diesem Teil unseres Workshops anschauen, welche Faktoren dafür maßgeblich entscheidend sind, dass wir uns bei manchen Anleitenden sehr wohl fühlen, während wir bei anderen wiederum das Gefühl bekommen, sie hätten ihre Jobbeschreibung nicht gelesen.
Wohlgemerkt kann sich diese Einschätzung auch stark von Person zu Person unterscheiden: Nicht nur aufgrund der Person/Persönlichkeit der Anleitenden kann es dazu kommen, dass man sich bei manchen wohler fühlt als bei anderen, sondern auch anhand des Erklärstils, des Detailgrads, des Sprachtempos, der Erklärmuster und vieler weiterer Faktoren, die einfließen können. Manche Anleitenden machen sich über bestimmte Punkte keine Gedanken oder fühlen sich auch für manche Punkte nicht verantwortlich, die wiederum für einige Tänzer essenziell wichtig sein mögen.
Grundlagen
Gewisse Elemente erachte ich als so grundlegend, dass ich diese eigentlich schon als voraussetzend zum Anleiten erachte. Ihr werdet merken, dass nicht alle Caller diese einhalten; auch sind diese Elemente nicht zwingend für jede einzelne Tanzgruppe erforderlich (dazu später mehr). Also nehmt diese Liste bitte nicht als eine Aufforderung von mir, dass ihr alle diese Dinge unbedingt in euren Tanzgruppen umsetzen müsst.
Wenn sich jedoch unterschiedliche Gruppen zusammentreffen – und somit auch unterschiedliche Erklärstile – hört man immer wieder dieselben Beschwerden, wenn die folgenden Faktoren fehlen. Daher handelt es sich zwar auch um meine persönliche Meinung, diese habe ich aber vor allem am Feedback anderer Tänzer gebildet, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Auch hier bin ich immer offen für andere Meinungen.
Zahlen, bitte!
Das Zählen beim Erlernen eines Tanzes hilft nicht nur dabei, dass die Tänzer eine Idee für die Geschwindigkeit beim Tanzen einer Figur bekommen, sondern auch dem Caller, einen Überblick bei größeren Gruppen zu behalten. Das ECD lebt davon, dass man in Gesellschaft und mit anderen tanzt, und nicht jeder für sich. Die Tanzenden können sich im Zweifel auch beim synchronen Tanzen vom Nachbarn was abgucken, anstatt verwirrt zu sein, dass links und rechts etwas anderes passiert.
Zudem kann es ohne Zählen dazu kommen, dass einige fortgeschrittenere Tänzerinnen schon weiter als vom Caller geplant tanzen – z.B. bereits in die nächste Figur hinein, weil sie den Tanz gut kennen –, was insbesondere jene aus dem Konzept bringen kann, die sich an den anderen Personen im Raum orientieren wollen, aber noch nicht so weit sind.
Walk it now!
Wenn ihr dennoch auf das Zählen verzichten wollt, will ich euch dennoch einen Tipp geben: Lasst die Tänzer nicht sofort tanzen, während ihr die Figuren zum ersten Mal erklärt. Vielmehr erklärt eine oder mehrere Figuren, die logisch zusammenhängen und ineinander übergehen, während die Tänzer stehen; zum Beispiel 16 Schritte bzw. 8 Bars. Wenn ihr das getan habt und alle ihren Laufweg verstanden haben, gebt ein Zeichen, dass die Tänzer nun (ohne Zählen) für sich lostanzen können.
Dieser gemeinsame Start sorgt für gewöhnlich dafür, dass alle auch ohne Zählen in etwa in derselben Geschwindigkeit tanzen. Somit ist es für die Tänzer dennoch möglich, bei den parallelen Sets abzugucken, wenn etwas doch nicht klar geworden ist. Solche Zeichen könnten zum Beispiel das „Und!“ sein oder – noch etwas klarer – ein „Walk it now!“. Mit dem letzten Ausruf könnt ihr klar zwischen dem einfachen Gehen ohne Zählen und dem normalen Üben mit Zählen differenzieren.
Jetzt seid ihr auf euch gestellt
Selten, aber doch gelegentlich, lassen Caller Tänzer individuell für sich im Set üben. Dies passiert häufig bei komplizierten Tänzen oder bei komplizierteren Figuren. Die Überlegung ist wahrscheinlich, dass sich die Sets in einer kurzen „Gruppenarbeit“ gegenseitig helfen können, die Probleme individuell herauszufinden und zu besprechen.
Auch wenn dies auf dem Papier nach einer sinnvollen Idee klingt, würde ich insbesondere bei größeren Gruppen mit unterschiedlichen Kenntnisständen (wo diese Technik besonders häufig verwendet wird) umso mehr davon abraten. Denn man verliert sämtliche oben beschriebenen Vorteile des Zusammentanzens beim Zählen. Zusätzlich gibt es noch das Problem, dass es kurzzeitig sehr laut wird und manche Sets u.U. selbstbewusst den Tanz falsch lernen, weil sie die Beschreibung falsch verstanden haben. Das ist für den Caller nahezu unmöglich zu erkennen, da alle etwas Unterschiedliches tun. Und meistens hören die Sets, die die Passage von vornherein verstanden haben und richtig tanzen, früher auf zu üben als die Sets, die die Übung noch benötigen würden. Dies wiederum sehen viele Caller dann als Zeichen, schneller fortzufahren und es fehlt am Ende nach wie vor den Tänzern die Übung, die sie bräuchten.
Wenn ihr das Gefühl habt, dass die Sets unterschiedlich fortgeschritten in ihrem Verständnis sind, fragt lieber nach, wo Probleme liegen könnten oder ob es Fragen gibt. Zeigt den Teil lieber in einem Vorführset nochmal, wenn sich niemand melden will, aber ihr das Gefühl habt, dass es noch nicht funktioniert. Manchmal braucht ihr auch kein dediziertes Vorführset, sondern könnt euch als Caller in ein Set einklauen und den Laufweg eines Tänzers vorführen. Oder versucht die Figur in anderen Worten oder aus einem anderen Blickwinkel nochmals zu beschreiben.
Wenn ihr diese individuelle Gruppenarbeit dennoch einsetzen wollt, achtet bitte darauf, dass mindestens die Sets, lieber noch die Paare so weit durchmischt sind, dass in jedem Set bzw. Paar jemand vorhanden ist, der den anderen aushelfen kann. Im Zweifel muss man dann auch Sets oder sogar Paare auseinandernehmen, wenn sich dort nur unerfahrene oder nur erfahrene Tänzer zusammengefunden haben. Dies wiederum wird wenig Anklang bei den jeweiligen Tänzern finden.
In der kürze liegt die Würze
Auch wenn ich soeben dazu geraten habe, Figuren oder Passagen gegebenenfalls nochmals anders zu erklären, muss man dennoch beachten, dass man nicht „zu viel“ erklärt. Ich operiere gerne nach dem Prinzip „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“. Wenn etwas missverständlich war oder ihr das Gefühl habt, dass die Tänzer noch nicht genau wissen, was sie tun sollen, solltet ihr euch unbedingt die Zeit nehmen, es nochmal In der kürze liegt die Würze.
Wenn ihr euch unsicher seid, ob die Erklärung ausreichend war, ermuntert die Tänzer Rückfragen zu stellen oder lasst sie den erklärten Teil einmal laufen. Ihr werdet dann schon merkenIn der kürze liegt die Würze.
Das hört ihr in der Musik
Please don‘t!
Natürlich ist es nicht immer einfach, die genaue Takt- oder Schlagzahl für einzelne Figuren zu kennen. In Ausnahmefällen mag es verzeihlich sein, diesen Spruch zu verwenden – etwa bei besonders fließenden Figuren und in einer Gruppe erfahrener Tänzer, um sich die Erklärung etwas zu erleichtern. Doch bisher habe ich kein Beispiel gefunden, in dem dieser Satz wirklich notwendig wäre und sich eine Figur nicht auch anders verständlich erklären ließe.
Gerade, wenn man mit weniger fortgeschrittenen Tänzern arbeitet, ist es umso wichtiger, die Struktur eines Tanzes zu kennen und klar benennen zu können. Denn die Fähigkeit, das Tanztempo aus der Musik herauszuhören, variiert stark – es gibt sogar Menschen, die keinen Takt erkennen können. Und manche bösen Zungen behaupten, es gäbe auch Tänzer, die damit ihre Schwierigkeiten haben.
Gute Tanzschriften können hier eine wertvolle Hilfe sein, wenn sie Hinweise darauf geben, wie eine Figur getanzt werden soll. Zusätzlich kann es sinnvoll sein, Tänze vorab in der eigenen Gruppe auszuprobieren, um zu sehen, ob sich die Figuren in klare Strukturen unterteilen lassen. Falls das nicht weiterhilft, lohnt es sich, andere um Rat zu fragen – beispielsweise die Tänzer, mit denen man gerade den Tanz ausprobiert hat. Oft ergeben sich daraus spannende neue Perspektiven und hilfreiche Erklärungsansätze. Und wer nicht fragt, wird diese wertvollen Einblicke nie erhalten.
Rechtzeitiges Callen
Kennt ihr diese Gedanken, während ihr mental beim Tanzen mitzählt?
Verdammt, was passiert jetzt?
Ihr schaut panisch im Raum herum, was die anderen tun, während ihr versucht, euch zu erinnern, was als nächstes kommt. Und dann hört ihr den Caller rufen: „Ronde!“. Wahrscheinlich denkt ihr euch nun zwei Dinge: Erleichterung, weil ihr nun – zu spät, aber immerhin wissend – in die nächste Figur stolpern könnt; und Frustration, denn warum kann man nicht „einfach“ rechtzeitig was sagen?
Das Beispiel ist bewusst etwas überdramatisiert, weil einige Tänzer in eine ähnliche, gefühlte Drucksituation kommen („Ich muss jetzt tanzen, sonst mache ich alles kaputt!“), aber sich nicht zu helfen wissen. Es gibt auch Tänzer, die einen Tanz von Anfang bis Ende durchgängig gecalled haben wollen und es als ein Scheitern des Callers ansehen, wenn dieser irgendwann aufhört. Im Gegenzug kann es dabei auch dazu kommen, dass sich fortgeschrittene Tänzer davon gestört fühlen, wenn die ganze Zeit über die Musik hinweg durch den Raum geschrien wird und man als Tänzer nicht „für sich“ mit seinem Partner tanzen kann.
Diese Balance zwischen zu viel und häufig genug beim Tanzen zu callen ist sehr schwierig zu finden und hängt auch maßgeblich von der Tanzgruppe und deren Erfahrung sowie der Komplexität des Tanzes ab. Wie es immer so schön heißt: „Wie man‘s macht, macht man‘s falsch.“ Man sollte sicherlich lieber einen Durchgang zu viel callen als zu wenig, aber man wird nie alle Gemüter in größeren Gruppen treffen können. Seid daher als Caller nicht zu streng mit euch selbst und stellt auch gerne ab und zu Rückfragen an die Tänzer, ob euer Stil Anklang findet.
Zum „korrekten“ Zeitpunkt des Callens sage ich später noch was, aber zunächst:
Ein Appel an die Tänzer
Ja, es kann frustrierend sein, aber habt bitte auch etwas Geduld mit uns Callern. Manchmal haben auch wir das Problem, dass wir uns beim Anleiten nicht sofort erinnern können, was als nächstes kommt. Und wir müssen auf viele weitere Dinge achten, die ihr vielleicht in diesem Moment nicht wahrnehmt. Zum Beispiel ist am anderen Ende des Longways der Tanz gerade gänzlich schiefgelaufen und man versucht, das Problem zu beheben oder man ist selbst einfach kurz abgelenkt.
Während all dies passiert, ist uns Callern für gewöhnlich auch bewusst, dass wir gerade aus Sicht einiger Tänzer einen „Fehler“ gemacht haben, weil wir das Callen kurz ausgelassen haben und etwas anderes priorisieren mussten. Umso herzzerreißender ist dann die Kritik „Call doch rechtzeitig!“, wenn wir uns unserer Verfehlung bewusst sind.
Ernsthafte, gutgemeinte Kritik – die konstruktiv angebracht ist – ist aber häufig gern gesehen und es gibt auch einige Caller, die es mangels besserer Beispiele oder fehlender Übung nicht besser wissen (können). Geht also gerne auf euren Caller zu, sollte euch etwas stören, und versucht ihm fair zu erklären, wo das Problem liegen mag. Es handelt sich um ein Geben und Nehmen, und viele Caller sind sehr dankbar für ernst gemeinte konstruktive Kritik.
Vorbereitung
Solltet ihr mehr oder weniger regelmäßig einen Tanz anleiten, könnt ihr wahrscheinlich große Teile dieses Kapitels überspringen. Wenn ihr aber damit anfangen wollt oder noch nicht viel Erfahrung darin habt, könnt ihr euch mit ein wenig Vorbereitung einen großen Gefallen tun.
Vielleicht kennt ihr es bei Prüfungssituationen oder beim Präsentieren: Auf einmal steht man da, wird angeschaut und hat alles vergessen. Natürlich ist es in unserem Kontext nicht wie in der Schule: Die Gruppen sind meist kleiner; die Tänzer sind dankbar dafür, dass dort gerade jemand vor ihnen steht und sich zum Hampelmann macht und die Tänzer wollen für gewöhnlich auch was Neues lernen – anders als die meisten Schüler. Zudem kennt man in seiner Gruppe seine Pappenheimer, was es nochmals umso einfacher macht, da man nicht vor Fremden sprechen muss. Wie ihr also merkt, macht euch nicht zu viele Gedanken ums Anleiten und versucht euch gerne auch mal selbst dran.
Tanz in- und auswendig lernen
Man muss nicht jeden Tanz, den man anleiten will, selbst getanzt haben, aber man sollte den Tanz zumindest auswendig kennen und die Kniffe herausgefunden haben. Insbesondere erfahrene Caller beginnen manchmal, einen Tanz anzuleiten und bemerken dann, dass sie ihn doch nicht gut kennen. Im schlimmsten Fall passiert es dann, dass man einen Fehler beim Anleiten einbaut und es erst später in der Erklärung bemerkt. Wenn man dann wieder zurückrudern muss, verursacht das teils starke Verwirrung unter den Tänzern. Insbesondere bei den weniger Erfahrenen kann es einen riesengroßen Unterschied beim Verständnis und Tanzerfolg machen.
Dahingehend, wenn man den Tanz gut kennt, kann man sich selbstbewusst vorne hinstellen und den Tanz anleiten. Dieses Selbstbewusstsein kennt ihr vielleicht vom Präsentieren; je besser ihr vorbereitet bzw. im Thema seid, desto einfacher fällt es euch, frei zu sprechen.
Seine eigene Tanzschrift vorbereiten
Um den Tanz zu lernen und sich eine Hilfestellung beim Anleiten vorzubereiten, kann man seine eigene Tanzschrift vorbereiten. In der Gestaltung seid ihr natürlich frei und könnt alles nutzen, was es einfacher macht. Selbst wenn ihr sie vergessen solltet mitzunehmen, wenn ihr anleiten wollt, hilft euch allein das Erstellen bereits dabei, euch den Tanz besser einzuprägen.
Tücken des Tanzes herausfinden
Manche Tänze kann man, ohne drüber nachzudenken, einfach durchtanzen, weil sie keine besondere Wendung oder einen komplizierten Übergang o.Ä. besitzen. Spätestens wenn Tänze anspruchsvoller werden, haben diese jedoch meist Konzepte eingebaut, die nicht gängig sind und einer besonderen Erklärung bedürfen. Diese Stellen würde ich in der Tanzschrift mit einer kleinen Anmerkung versehen, was das Problem sein kann (z.B. Orientierung beibehalten, Tempowechsel, Übergang in die Figur etc.) und – solltet ihr welche kennen – Tipps, wie man das Problem umgehen kann.
Manchmal sieht man anhand einer Tanzschrift jedoch nicht sofort, wo sich eine solche Tücke verstecken kann; besonders weil man sich häufig auf ein (aktives) Paar konzentriert und einem die Probleme für das/die andere(n) Paar(e) erst nicht auffallen. Daher die Frage: Wie kann man solche Problemstellen identifizieren?
- Tanz selbst tanzen; entweder im Kopf zur Musik oder für sich mit Geistern alle Positionen durchgehen
- Probleme bei anderen Tänzern abgucken (z.B. bei YouTube Videos), um auch Tücken herauszufinden, die für einen selbst kein Problem sind
- Die Punkte vom Dancing-Well Workshop durchgehen und sich fragen: Wo in diesem Tanz kommt dieses Thema vor?
Zählen lernen
Fangt am besten damit an, euch eine Zählweise anzugewöhnen. Diese ist die Grundlage fürs spätere Anleiten, wie ich bereits oben erwähnt habe. Und nehmt euch die Zeit dafür, die es braucht: Natürlich ist es keine herausfordernde Aufgabe, einfach bis 8 hochzuzählen, während man die Musik hört. Aber spätestens, wenn ihr vor der Gruppe steht und gleichzeitig Zählen, Callen und darauf achten müsst, was die anderen Tänzer tun, werdet ihr merken, wie anstrengend diese einfache Aufgabe sein kann. Desto mehr ihr das Zählen bereits geübt habt, desto einfacher macht ihr es euch später.
Ihr kennt es wahrscheinlich durch das Tanzen bereits intuitiv, aber wenn ihr keine Musiker seid, fragt ihr euch vielleicht dennoch: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Schlag und einem Takt? Und wie kann/ soll ich zählen?
Versucht mal, beide (Standard-)Taktarten zu zählen, während ihr auf die dick gedruckte Zahl eine starke (laute) Betonung legt:
Schläge (Schritte) zählen | Takte zählen | |
---|---|---|
3/4 Takt: | 1 2 3; 4 5 6; 1 2 3; 4 5 6 | 1 2 3; 2 2 3; 3 2 3; 4 2 3 (5 2 3; 6 2 3; 7 2 3; 8 2 3) |
4/4 Takt: | 1 2 3 4; 5 6 7 8; 1 2 3 4; 5 6 7 8 | 1 2 3 4; 2 2 3 4; 3 2 3 4; 4 2 3 4; (5 2 3 4; 6 2 3 4; 7 2 3 4; 8 2 3 4) |
Beide Zählweisen haben Vor- und Nachteile. Die Schritte zu zählen ist meist wesentlich simpler für den Caller und kann auch für Anfänger verständlicher machen, wann sie auftreten sollen. Die Takte zu zählen kann dahingehend besser geeignet sein, um längere Strukturen einzuteilen, ohne den Überblick zu verlieren. Besonders mit weniger Erfahrung beim Anleiten kommt man jedoch gerne mal mit den Taktzahlen durcheinander – aber auch erfahrene Caller machen dies gerne mal; mir passiert es z.B. ständig, besonders, wenn die Konzentration nachlässt.
Daher werde ich zur Vereinfachung im Weiteren die „einfachere“ Schritt-Zählweise verwenden.
Es wird sich wahrscheinlich für alle sehr natürlich anfühlen, jeweils die 1 zu betonen. Das ist der Zeitpunkt, wenn man als Tänzer für gewöhnlich mit der nächsten Figur beginnt und hat dies entsprechend intuitiv im Blut. Für viele wird es auch kein Problem sein, die 4 bzw. die 5 zu betonen, aber den ersten könnte das bereits schwerer fallen. Warum wir diese ebenfalls in der Übung betonen, erkläre ich später im Kapitel „Callen“ – „Richtigen Zeitpunkt angewöhnen“.
Calls vorbereiten
Calls sind die kurzen, aber sehr präzisen Anweisungen, die euch die Tanzlehrerin entgegen ruft, während die Musik läuft und ihr am Tanzen seid. Sie unterscheiden sich also vor allem gegenüber der Erklärung eines Tanzes beim Anleiten darin, dass die Calls nur die wichtigsten Informationen (häufig nur die Figur) enthalten und somit eine Gedächtnisstütze darstellen. Beim Anleiten des Tanzes werden meistens wesentlich längere, ausführlichere Erklärungen verwendet, um weiterreichende Konzepte zu erklären.
Während ihr die Musik hört und das Zählen übt, könnt ihr euch auch bereits Gedanken zur Frage machen, welche Calls ihr verwenden wollt. Am besten habt ihr dabei die Tanzschrift vor euch und geht sie dabei mit durch, sodass ihr euch in der Struktur des Tanzes nicht vertut und am Ende gar selbst den Tanz falsch lernt.
Ihr könnt also schauen, wo ihr eventuell etwas mehr als nur die Figurennamen callen müsst und wie ihr das in eine Phrase (Lyric) verwandeln könnt, die auf die Zählweise der Musik passt. Dazu später im Kapitel „Callen“ – „Standardphrasen als Calls verwenden“ mehr.
Anleiten
Das Anleiten dient dem Erklären der Tänze und ist bei weitem der Teil, bei dem ihr die unterschiedlichsten Herangehensweise finden werdet. Es gibt viele verschiedene Auffassungen davon, was zum Erklären dazu gehört, wie detailliert man einzelne Aspekte erklären soll, wie häufig man einzelne Figuren und Nummern üben möchte oder ob und wie gezählt werden soll. Zu letzterem habt ihr meine Meinung bereits im Kapitel Grundlagen gehört, hier möchte ich nun noch die weiteren Aspekte beleuchten.
Struktur des Tanzes benennen
Die meisten Tänze sind logisch strukturiert und können – auch häufig durch die Musik bedingt – in logische Untereinheiten unterteilt werden. Diese Strukturen beim Anleiten zu benennen, kann für einige Tänzer eine wichtige Hilfe dabei sein, diese Tänze zu erlernen. Durch die Strukturierung wird der Tanz nicht nur zu einer langen Liste vieler Figuren, die man auswendig lernen muss. Vielmehr kann man die Struktur verstehen und sich diese zunutze machen, um sich die Reihenfolge der Figuren zu merken.
Am Beispiel von The Old Mill wird das besonders deutlich: Ohne Kenntnis der Struktur wirkt der Tanz zunächst überwältigend lang, und die Reihenfolge der Figuren scheint kaum merkbar. Genau dieses Gefühl hatte ich selbst beim ersten Lernen: Nach dem B-Teil dachte ich intuitiv, der Durchgang sei vorbei – doch dann kam noch etwas! Mein erster Gedanke: „Wie, noch ein C-Teil? Das ist aber ein langer Tanz!“
Wird die Struktur jedoch bereits beim Anleiten erklärt, erleichtert das die Orientierung. Statt sich von der Fülle an Elementen verwirren zu lassen, weiß man sofort: Es gibt ein Intro (A-Teil), damit P1 in die Mitte des Sets auf Pos. 2 kommt, und einen schönen B-Teil, der lediglich gespiegelt wiederholt wird – kein separater C-Teil also. Spätestens bei dieser Wiederholung wird klar, dass der Tanz gar nicht so kompliziert ist, wie er zunächst erscheint.
Wiederhulngen beim Üben
Besonders unter erfahrenen Tänzern wird oft weniger Wert auf ausführliche Anleitungen gelegt – verständlich, da man das Erklärtempo dem Niveau der Gruppe anpassen möchte. Dennoch sind Wiederholungen beim Üben essenziell, um Tanzschritte wirklich zu verinnerlichen. Kaum jemand wird einen Tanz beim ersten Durchgang vollständig erfassen, meist braucht es mindestens eine zweite Runde.
Das gilt nicht nur für ganze Tänze, sondern auch für einzelne Elemente. Während einige Figuren sofort eingängig sind, gibt es oft Passagen, die eine besondere Herausforderung darstellen. Hier sollte der Anleitende gezielt prüfen, ob zusätzliche Wiederholungen notwendig sind. Hat ein Tanz beispielsweise einen A- und einen B-Teil – wobei der A-Teil nur aus Standardfiguren besteht, während der B-Teil kompliziertere Sequenzen und den Fortschritt enthält – lohnt es sich, diesen letzten Abschnitt gesondert zu üben.
Egal ob einzelne Elemente oder ganze Sequenzen wiederholt werden – es ist wichtig, klar anzusagen, wo die Wiederholung startet und welche Figuren geübt werden. Dabei sollte sichergestellt sein, dass alle Tänzer die Anweisung gehört haben und bereit sind, da sie sich unter Umständen erst Back to Places begeben müssen. Häufig profitieren gerade diejenigen, die sich unsicher fühlen und in Ihrem Set kurz abgelenkt waren, am meisten von der Wiederholung. Werden sie nicht mit einbezogen, weil man zu schnell weiter tanzen will, verliert die Übung ihre Zielgruppe.
Falls ihr unsicher seid, ob noch eine Wiederholung nötig ist, könnt ihr die Frage offen in die Gruppe stellen. Dabei empfiehlt es sich, ausdrücklich zu ermutigen, Wünsche nach Wiederholungen zu äußern – viele zögern sonst aus Angst, die anderen auszubremsen. Doch wenn ein Tanz zur Musik scheitert, weil Verständnisfragen ungeklärt blieben, wäre es für alle besser gewesen, sich die Zeit für ein, zwei zusätzliche Durchgänge zu nehmen. Alternativ kann man gezielte Fragen stellen wie: „Hat das jeder verstanden?“, „Wisst ihr, was zu tun ist?“ oder „Habt ihr den Laufweg erkannt?“, um Rückfragen aktiv zu fördern.
Fortschritt
Zum Üben des Fortschrittes in einem Duple Minor Longway empfiehlt es sich, nach dem Üben eines Durchgangs immer ein Back to Places auszurufen. Hat man von Beginn an im Longway keine Bäumchen, hat dies den Vorteil, dass dadurch keine Bäumchen entstehen. Hat man am Ende ein Bäumchen, kann man zum Üben ein Paar auf die Bäumchenposition stellen, welches den Tanz bereits beherrscht – was den zusätzlichen Vorteil hat, dass das erfahrene Paar weniger stören kann, wenn es aus Langeweile beim Üben anfängt zu quatschen oder Blödsinn zu bauen.
Dabei sollte man jedoch unbedingt darauf achten, dass der Übergang zwischen den einzelnen Strophen nicht verloren geht und auch mitgeübt wird, da dieser ebenfalls ein Problem darstellen kann. Dies kann man auch trotz des Back to Places üben, indem man nach einer Strophe in die erste Figur weiter called, als würde man den Tanz einfach weiter tanzen wollen, jedoch dann nach der ersten Figur wieder abbricht und die Tänzer bei einem Wiederholungswunsch wieder Back to Places gehen lässt, um erneut zu üben.
Durch den besonderen Fortschritt im Triple Minor Longway kann es dazu führen, dass beim Üben eines solchen Tanzes sehr viel Zeit ins Land zieht, bis jeder mal zum ersten Paar geworden ist. Dieses Problem kann man jedoch umgehen, indem man den Tanz wie einen 3 Couples Longway tanzt und nach einem Durchgang (nachdem der Übergang in die nächste Strophe auch geübt wurde) abbricht. Sollte eins der 1er Pärchen nun einen Wiederholungswunsch haben, sollten diese auf ihre ursprüngliche 1er-Position zurückgehen, damit auch die anderen Nummern nicht verwirrt sind.
Wenn es jedoch keinen (weiteren) Wiederholungswunsch gibt, sollten die Longways nun wie folgt modifiziert werden: Das (alte) P1 geht auf Position 3. Das (alte) P3 geht zur Position 2. Somit wurde das (alte) P2 zum neuen P1. Die 6 Tänzer bleiben also jeweils in ihrem eigenen 3 Couples Longway, wir haben ein neues P1 und können erneut üben. Nutzt man dieses System zum Üben, reichen im Idealfall nur 3 Durchgänge (+ ggfs. Wiederholungen) beim Üben, damit jedes Paar mal auf Position P1 gestartet ist. Wenn man Bäumchen hatte, die nicht mitüben konnten, kann man einen 4. Durchgang nutzen, um die Bäumchen auf Position P1 zu bringen, indem man diese unter den 3er Longways verteilt.
Was tun die Bäumchen?
Bei den meisten Tänzen ist es nicht relevant zu erwähnen, was die Bäumchen tun. Entweder man hat keine (z.B. bei Kreistänzen), oder man hat einen normalen Duple Minor Longway, wo die Bäumchen eine ganze Runde aussetzen und danach als andere Nummer wieder einsteigen.
Einige Tänze erfordern von den Bäumchen jedoch besonderes Verhalten, und häufig kann man sich anhand einiger Keywords beim Anleiten bereits herleiten, dass die Bäumchen erklärt werden müssen:
- Duple Minor (P1/P2 improper): Steht zu Beginn des Tanzes nur ein Paar improper, müssen an den Enden des Longways beide Paare einmal tauschen. Daher sollte man den Tänzern beim Anleiten an geeigneter Stelle den Tipp geben, wann sie tauschen können. Wenn zum Beispiel im Tanz ein Platztausch oder 1½ Handtouren getanzt werden, können die Bäumchen dies parallel mittanzen. Alternativ können sie einfach an beliebiger Stelle den Platz tauschen, ohne eine Figur mitzutanzen.
- Triple Minor Longway: Triple Minor Longways werden selten genug getanzt, dass eine Auffrischung des Fortschrittes in größeren Gruppen hilfreich ist, damit die Longway-Enden nicht verzweifeln.
- Zwischen den (Minor) Sets: Wenn Figuren zwischen den Sets getanzt werden, ist dies immer ein Garant dafür, dass Bäumchen panisch aus einem Tiefschlaf geweckt werden. Weist daher ganz deutlich (mehrmals) darauf hin, dass die Bäumchen an den Stellen aufpassen müssen.
Bei manchen Tänzen geht es eine Spur spannender: Zum Beispiel beim Vivaldi in Paradise können die Bäumchen den Anfang des B-Teils komplett mittanzen. Während die Tänzer auf den Seitenlinien tauschen, tanzen die Bäumchen einen Platztausch mit dem Partner. Das erste linksschultrige ¾ Gypsy wird dann wieder normal auf den Linien getanzt, und schließlich wird das ganze rechtsschultrige Gypsy für die Bäumchen wieder mit dem Partner getanzt. Dies führt dazu, dass die Bäumchen das Gypsy zwischen den Minor Sets mit dem Kontrapertner des richtigen Geschlechts getanzt haben und am Ende den Platz getauscht haben.
Back to Original Places

Der Fortschritt findet jeweils innerhalb der Minor Sets (dargestellt als Kästchen) dar.
Folgende Situation: Ihr leitet einen Duple Minor Longway Tanz an und übt den Tanz 2-mal, habt damit also 2 Fortschritte erzielt. Wenn ihr zwischen den Durchgängen kein Back to Places ausgerufen habt, steht ihr als Paare so, wie ihr es im rechten Bild sehen könnt.
Nun wollt ihr die andere Nummer üben. Wenn ihr jetzt sagt „greift neu durch“, habt ihr aber ein Problem: Oben und unten stehen nun zwei Sets, wo beide Paare die gleiche Nummer geübt haben. Häufig beobachte ich dann Caller dabei, die auf das Problem angesprochen werden, aber sich keine Gedanken darüber gemacht haben, was das Problem ist (weil sie z.B. unter Stress stehen), wie sie sagen: „Einigt euch einfach auf eine Nummer!“. Wenn nun aber beide Paare die andere Nummer üben wollen, führt das zu Diskussion und Unzufriedenheit. Und die Probleme werden nur noch größer, wenn ihr noch mehr Durchgänge tanzt und einen längeren Longway habt, weil es dann umso mehr Sets gibt, wo der Nummerntausch nicht funktioniert.
Folgende Situation: Ihr leitet einen Duple Minor Longway Tanz an und übt den Tanz 2-mal, habt damit also 2 Fortschritte erzielt. Wenn ihr zwischen den Durchgängen kein Back to Places ausgerufen habt, steht ihr als Paare so, wie ihr es im rechten Bild sehen könnt.
Nun wollt ihr die andere Nummer üben. Wenn ihr jetzt sagt „greift neu durch“, habt ihr aber ein Problem: Oben und unten stehen nun zwei Sets, wo beide Paare die gleiche Nummer geübt haben. Häufig beobachte ich dann Caller dabei, die auf das Problem angesprochen werden, aber sich keine Gedanken darüber gemacht haben, was das Problem ist (weil sie z.B. unter Stress stehen), wie sie sagen: „Einigt euch einfach auf eine Nummer!“. Wenn nun aber beide Paare die andere Nummer üben wollen, führt das zu Diskussion und Unzufriedenheit. Und die Probleme werden nur noch größer, wenn ihr noch mehr Durchgänge tanzt und einen längeren Longway habt, weil es dann umso mehr Sets gibt, wo der Nummerntausch nicht funktioniert.
Wenn ihr also nicht nach jedem Durchgang zum Back to Places aufrufen wollt, wäre spätestens hier mein Vorschlag, dass ihr den Call „Back to Original Places“ benutzt. Lasst alle dahin zurückgehen, wo sie angefangen haben zu üben. Wenn ihr jetzt neu durchgreift, hat niemand eine neue Nummer. Lasst ihr die Paare aber innerhalb ihrer Sets einmal tauschen, dann haben alle eine neue Nummer und es gibt an den Enden keine Probleme damit, dass einige Paare die andere Nummer nicht üben können.
Jedoch kann Back to Original Places auch an vielen anderen Stellen sinnvoll sein: Bei DPDP-Tänzen (different partner, different position) ist man nach dem Üben selten an der Position, wo man den Tanz begonnen hat. Es kann vielen Tänzern dabei helfen, wenn man vor dem Tanzen mit der Musik alle zum Anfangsort zurückkehren lässt. Auch wenn man theoretisch dasselbe tanzt, was man zuvor geübt hat, können sich manche Personen dennoch von gewohnter Position besser im Raum orientieren.
Callen
Salopp gesagt bezeichnet man als Callen das Reinbrüllen der Tanzfiguren, während getanzt wird (die Musik läuft). Auch beim Üben, während ihr zählt, verwendet ihr Calls, um den Tänzern zu sagen, welche Figuren folgen.
Aber sicherlich habt ihr bereits bemerkt, dass Callen nicht gleich Callen ist. Es gibt viele Faktoren, die beeinflussen, wie wohl wir uns beim Tanzen mit einem Caller fühlen – neben den persönlichen Faktoren wie Sympathie zu der Person etc.
In diesem Abschnitt möchte ich hilfreiche Tipps mit euch teilen, welche – nach meiner Meinung – gutes Callen ausmachen. Jeder callt anders und hat andere Stilmittel. Schaut euch also gerne bei anderen Callern weitere Ideen ab, die ihr verwenden könnt (zum Beispiel beim freien Tanzen auf einem Tanzball, wenn auch andere Personen anleiten, als ihr gewohnt seid).
Richtigen Zeitpunkt angewöhnen
In der Regel sollte man im 3/4 Takt mindestens 3 Schläge (Schritte) vorher callen, während es im 4/4 Takt eher 4 Schläge wären. Keine Regel ohne Ausnahmen, natürlich. Diese findet am besten aber jeder für sich selbst beim Tänze Anleiten heraus, da dies den Rahmen des Dokumentes sprengen würde.
Wenn ihr euch an das betonte Zählen erinnert:
3/4 Takt: 1 2 3; 4 5 6; 1 2 3; 4 5 6
4/4 Takt: 1 2 3 4; 5 6 7 8; 1 2 3 4; 5 6 7 8
Ausgerechnet die 4 im 3/4 Takt oder die 5 im 4/4 Takt sind häufig genau der richtige Zeitpunkt, die nächste Figur zu Callen (vorausgesetzt, dass die nächste Figur auf den 1. Schlag kommt). Aber warum ist das so?
Wie oben dargestellt, wenn wir erst kurz vor der Figur callen (z.B. im 4/4 Takt auf den 8. Schlag oder im schlimmsten Fall erst auf den 1. Schlag des nächsten Taktes, wo die Figur bereits beginnen sollte – also zu spät) hilft es insbesondere den Leuten nicht, die den Tanz nicht kennen.
Trainiert euch also als Caller unbedingt das Gefühl an, wann „rechtzeitig“ ist. Wenn die Figuren flüssig ineinander übergehen und man diese fast nicht falsch tanzen kann, reicht es vielleicht, die nächste Figur erst 2 statt 4 Schläge vorher zu callen. Aber schadet es wirklich jemandem, wenn man diese bereits auf den 5. Schlag ansagt? Wahrscheinlich nicht.
Standardphrasen als Calls verwenden
Wenn ihr euch für die häufig verwendeten Tanzfiguren Standardphrasen (Calls) antrainiert, die eine feste Länge besitzen, könnt ihr diese auf euer neu antrainiertes „rechtzeitiges“ Gefühl abspielen. Das hat den Vorteil, dass ihr euch nicht für jeden Tanz neu ausdenken müsst, wie ihr die Figur ansagen wollt. Stattdessen habt ihr einen Baukasten, aus dem ihr einfach Calls zusammensetzen könnt.
Ich bevorzuge bei den Calls folgende Reihenfolge:
[Zusatzinformationen, z.B. links]
Jedoch handelt es sich dabei um eine Geschmackssache, welche Informationen man für (wie) relevant erachtet und in welcher Reihenfolge man dies callt. Für mich habe ich festgestellt: Nennt man die Tänzer zuerst, rennen nicht versehentlich alle los, sondern die betroffenen Personen fühlen sich angesprochen und sind aufnahmebereit. Idealerweise wissen die Tänzer aber bereits, wer gerade am Zug ist; daher würde ich diese Information nur in den Call einbauen, wenn sie sich nicht aus dem Tanz von selbst erschließt.
Nehmen wir im Folgenden als Beispiel den Sapphire Sea von Christine Robb aus dem Jahr 2015. Die Zahlen vor den Figuren stehen für die Anzahl der Schläge (also Schritte), wir befinden uns im 4/4 Takt und in einem Duple Minor Longway.
Fontäne (wird leicht untertanzt, zur Line of 4. Alle schauen Dame 2 an)

Im Folgenden seht ihr als Text unter den Noten – also als Lyrics – wie ich den Tanz callen würde. Bevor ich jetzt alle verliere, die keine Noten lesen können: Die Noten verwende ich hier lediglich, um ein Gefühl für das Tempo zu bekommen. Ihr könnt in den Kreisen über den Noten sehen, wann die Schläge kommen würden, wenn ihr einfach nur zählen würdet. Bei dem Wiederholungszeichen (siehe rechts) beginnt der Tanz, d.h. die Schläge davor sind noch von der vorherigen Strophe übriggeblieben.
Einfache Rythmik - Auf die Schläge callen

„First Corner Handtour rechts“ ist ein wunderbares Beispiel, wie ihr eine Standardphrase verwenden könnt, die genau die richtige Länge hat und alle notwendigen Informationen wiedergibt, die die Tänzer benötigen.
„Setkreis ganz herum, Und!“ hat zwei Beispiele, wie man etwas drumherum arbeiten kann, wenn die Figurennamen zu kurz sind, um sie in 4 Takte aufzuteilen:
- Ihr könnt nicht unbedingt notwendige Informationen einstreuen, hier zum Beispiel „ganz herum“. Dabei solltet ihr aber unbedingt darauf achten, dass diese Ergänzungen ebenfalls nicht zu viel werden oder verwirrend sind, denn dann ist auch niemandem geholfen. Für andere Tänze kann man aus „ganz herum“ auch „halb herum“ machen, weswegen sich diese Ergänzung doppelt hilfreich auswirken kann.
- Hat man am Ende doch noch einen Schlag (die 8) über, warum nicht einfach ein „Und!“ einstreuen. Dies ist sowieso allen Tänzern bekannt und man selbst als Caller verliert nicht das Gefühl fürs Zählen.
Komplizierte Rythmik – Betontes callen
Einen Sonderfall wollen wir noch betrachten. Dies zu erklären, wird in Textform jedoch wesentlich länger brauchen als verbal; habt daher also bitte etwas Geduld mit mir. Vielleicht erinnert ihr euch ja auch bereits an den Workshop zurück und ihr versteht sofort, worauf ich hinaus will. Wirklich wichtig ist dieser Punkt für den Anfang aber nicht, daher könnt ihr ihn auch fürs erste überspringen und zum nächsten Kapitel gehen.

Theoretisch könnte man auf 5, 6, 7, 8 auch „Fon- tä- ne- Und!“ callen. Aber macht das mal vor Leuten, dann wisst ihr, was ich meine, wenn ich sage, man fühlt sich dabei blöd (insbesondere beim langsamen Tempo im Sapphire Sea). Außerdem kann die Information der Line of Four für einige Tänzer hilfreich sein, wenn sie nicht wissen, was das Ziel der Fontäne ist.
Für mich persönlich fühlt es sich aber nicht natürlich an, mit dem „Fon“ auf den 5. Schlag anzufangen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Silbe „Täne“ für mich betonter ist und somit natürlich auf den 5. Schlag fällt. Damit das dann auf das Zählen passt, muss man mit dem „Fon“ jedoch schon kurz nach der 4 beginnen. Und der Rest des Calls (also „Täne (zur) Line (of) Four“) kann in einer Hump-ty Dump-ty Daa Rhythmik aufgesagt werden.
Jetzt könnt ihr noch Betonungen auf die dick markierten Teile des Calls setzen und die in Klammern stehenden Begriffe etwas unbetonter (leiser/vernuschelt) callen, et voilà! Ihr klingt wie Profis auf eurem Gebiet.
So flapsig wie das jetzt vielleicht klingen mag: Es braucht alles Übung, Übung, Übung! Sollte es also nicht auf Anhieb klappen und solltet ihr noch Probleme dabei haben, euch solche Phrasen auszudenken, lasst euch davon nicht entmutigen, es weiter zu probieren. Niemand konnte das von Anfang an, aber allein schon, weil ihr euch mit dem Thema beschäftigt, leistet ihr mehr als so manch anderer.
Weitere Beispiele für Calls
Der Rest des Tanzes ist recht selbsterklärend, daher überlasse ich euch meine Calls zum Eigenstudium.


Keine Details, nur die Grundfigur callen
Wie schon oben kurz erwähnt: Haltet die Calls präzise. Idealerweise reicht ausschließlich der Figurenname. Wenn es eurem Redefluss hilft, könnt ihr Informationen einstreuen, solange diese nicht verwirrend sind (zum Beispiel „Ganz herum“ oder „Zur Line“). Wenn es im Tanz notwendig ist, kann man Ergänzungen wie „Paar 1“ oder „für alle“ hinzufügen; ich persönlich würde aber versuchen, diese zu vermeiden.
Denn: Beim Callen leitet ihr den Tanz nicht mehr an, sondern die Tänzer sollten den Tanz vorher bereits verstanden haben. Eure Calls sind eine Hilfestellung, was wann kommt. Alle anderen Konzepte sollten vorher geklärt worden sein.
Nicht zu früh callen
Früh callen, ja. Aber auch zu frühes Callen kann Probleme verursachen: Wenn die Tänzer nicht genau wissen, wie lange eine Figur getanzt werden muss, lassen sie sich verunsichern und fangen vielleicht zu früh an, die nächste Figur zu tanzen. Das kann dazu führen, dass Tänzer an den falschen Positionen stehen und anschließend der ganze Tanz in dem Minor-Set zusammenbricht. Das kann auch gerne mal bei fortgeschritteneren Tänzern passieren.
Zusammenfassendes zum Zählen und Callen
Ihr seht also allein an der Themenfülle, Callen ist ein knochenharter Job, der weit über das einfache „Reinrufen der Figuren“ hinausgeht. Wie ich schonmal an anderen Stellen sagte: Nicht nur ist nicht alles hier Erwähnte auf alle Tanzgruppen anwendbar, man wird nie alle Tänzer mit seinem eigenen individuellen Stil glücklich machen können. Ich hoffe aber, euch sinnvolle Gedanken mit auf den Weg gegeben zu haben, die euch diesem Ziel näher bringen können.
Lasst mich daher auch gerne an euren Gedanken teilhaben, was für euch einen guten Caller ausmacht. Auch wenn ihr ausschließlich Tänzer seid und keine Tänze anleitet, würde mich eure Perspektive diesbezüglich sehr interessieren.
Allgemeine Themen
Ich möchte mich hier kurz halten, da ich in dem Dokument vor allem die für das Tänze Anleiten und Callen spezifischen Punkte aufarbeiten will. Es gibt jedoch einige themenübergreifende Aspekte, welche auch für diesen Job relevant sein können. Die meisten von euch werden diese auch bereits von zum Beispiel Präsentationstraining in der Schule, Arbeit o.Ä. kennen. Weil das unter Umständen aber bereits etwas her sein kann, hier nochmal ein rundown.
Allgemeine Sprachregeln
Wenn man vor großen Gruppen sprechen will, kann man sich an Leitfäden orientieren, welche Sprachregeln für zum Beispiel Präsentationen gelten. Diesbezüglich gibt es bereits viele Quellen im Internet, welche einen Überblick geben. Ein paar wichtige Aspekte möchte ich hier dennoch stichpunktartig aufführen, damit ihr bereits einen Überblick gewinnen könnt:
Struktur: Einführung (Was ist das Ziel der Übung, z.B. Fortschritt üben); zunächst möglichst einfach beschreiben und Fachbegriffe vermeiden; „Zusammenfassung“ des neu Gelernten nach der Übung
Angemessene Sprache: Zielgruppenorientiert (Fachbegriffe nur bei Fortgeschrittenen), Positivität und Höflichkeit, Offenheit für Rückfragen
Körpersprache: Blickkontakt suchen; natürliche Gestik und Mimik, um Aussagen zu unterstreichen; selbstbewusste Haltung, um Autorität auszustrahlen
Stimmbewusstsein: Deutliche Aussprache, wichtige Worte betonen (Sprachgesang); ausreichende (strategische) Pausen, um Punkte zu untermalen; Lautstärke und Tonfall (variieren, nicht übertreiben)
Interaktion: Fragen einbauen (Wisst ihr, wo ihr hin müsst? Haben dies alle verstanden? Will jemand diese Nummer nochmal üben?), Feedback lesen (z.B. verwirrten Blick)
Gängige „Fehler“: Füllwörter reduzieren, Monotonie vermeiden (auch mal einen Witz einbauen, kein eintöniger Rhythmus), nicht zu schnell sprechen.
Trotz dieser vielen Punkte (und wahrscheinlich klingt es aufgrund dieser kurzen, schnellen Aufzählung nochmals schlimmer, als es in Wahrheit ist) ist jedoch meiner Meinung nach der wichtigste Aspekt, nicht seine Authentizität zu verlieren. Auch wenn eine laute, selbstbewusste Aussprache und Körperhaltung dabei hilft, dass die Gruppe ruhiger bleibt und euch zuhört; wenn ihr eine leise Stimme habt und selten im Mittelpunkt steht bzw. stehen wollt, wird es wahrscheinlich eher irritierend auf die Tänzer wirken, wenn ihr euch so eine Aussprache aufzwingen wollt. Bleibt also ihr selbst und sprecht so, wie ihr es sonst auch tun würdet. Wenn ihr euch beim Anleiten sprachlich dennoch verbessern wollt, sucht euch – wie auch beim Tanzen – jeweils einen einzelnen Aspekt heraus und versucht, diesen Stück für Stück zu verbessern, anstatt euer ganzes Sprachverhalten an einem Tag umkrempeln zu wollen.
Zusätzlich kommt bei uns das Problem, dass wir viele Tänzer in meist größeren Räumen mit wechselnd guter Akustik unterrichten müssen. Manche Stimmen tragen besser (meist tiefere, basslastige Stimmen), während andere über ein Knarzen des Bodens kaum mehr zu hören sind. Wenn ihr mit technischen Geräten wie Mikrofonen arbeit, schaut vorher nach, um welche Art von Mikrofon es sich handelt und wie man damit am besten umgehen kann – z.B. kann man ein Handmikrofon häufig an das Kinn drücken, damit man es nicht ständig zu nah am Mund hält oder von sich wegstreckt.
Auf die Gruppe einstellen

Beispiel eines Venn-Diagramms
Folgende Situation: Ihr leitet einen Duple Minor Longway Tanz an und übt den Tanz 2-mal, habt damit also 2 Fortschritte erzielt. Wenn ihr zwischen den Durchgängen kein Back to Places ausgerufen habt, steht ihr als Paare so, wie ihr es im rechten Bild sehen könnt.
Nun wollt ihr die andere Nummer üben. Wenn ihr jetzt sagt „greift neu durch“, habt ihr aber ein Problem: Oben und unten stehen nun zwei Sets, wo beide Paare die gleiche Nummer geübt haben. Häufig beobachte ich dann Caller dabei, die auf das Problem angesprochen werden, aber sich keine Gedanken darüber gemacht haben, was das Problem ist (weil sie z.B. unter Stress stehen), wie sie sagen: „Einigt euch einfach auf eine Nummer!“. Wenn nun aber beide Paare die andere Nummer üben wollen, führt das zu Diskussion und Unzufriedenheit. Und die Probleme werden nur noch größer, wenn ihr noch mehr Durchgänge tanzt und einen längeren Longway habt, weil es dann umso mehr Sets gibt, wo der Nummerntausch nicht funktioniert.
Die meisten von euch werden es sofort merken, wenn man anstatt vor seiner eigenen Gruppe auf einer Veranstaltung plötzlich vor eine gemischte Gruppe treten muss: Jedes Grüppchen kocht sein eigenes Süppchen.
Das liegt zum einen darin begründet, dass es für die meisten Figuren nicht nur viele verschiedene Ansätze gibt, wie man diese erklären kann, sondern zusätzlich für ein- und dieselbe Figur eine Vielzahl unterschiedlicher Bezeichnungen existieren. Habt ihr zum Beispiel schon mal den Ausdruck „Swirly Siding“ für Sharp Sidings gehört? Ich, bis vor kurzem, nicht. Und wie viele unterschiedliche Arten, sich zu drehen, erst unter dem Begriff „Allemand“ zusammengefasst werden.
Gleichzeitig sind die Kenntnisstände der Teilnehmer in Bezug auf bekannte Figuren oder Tänze so unterschiedlich, dass bei einem Venn-Diagramm die Schnittmenge nicht so groß ist, wie man häufig annimmt. Besonders bei Treffen mit sehr erfahrenen Tänzern legt man oft motiviert und mit schnellem Tempo los, um kurz darauf doch zurückrudern zu müssen.
All dies führt mich zu folgender Beobachtung (ganz besonders bei größeren Gruppen, so erfahren sich die Tänzer auch selbst einschätzen): Legt die Latte zunächst lieber etwas niedriger an und arbeitet euch dann hoch. Die wenigsten Tänzer sind fortgelaufen und gelangweilt davon, wenn man „zu langsam“ erklärt. Macht euch deswegen lieber Gedanken darum, dass ihr die weniger erfahrenen Tänzer abholt, als die wenigen Fortgelaufenen zu langweilen.
Und ich unterstelle den meisten Fortgelaufenen, dass sie wissen, dass sie die Ausnahme sind und sich dem Lehrtempo anpassen können, ohne sich zu beschweren (zumindest wünsche ich mir dies in meiner naiven Weltanschauung). Wenn ihr zu langsam beim Erklären seid, werdet ihr das sehr schnell merken, da die Aufmerksamkeit sinkt oder die Tänzer immer vor Ende eurer Erklärung bereits zum Lostanzen bereit stehen. Dann könnt ihr das Erklärtempo nachträglich noch anheben.
Back to Places: Ein Recap
Ich kann es nicht häufig genug sagen, daher wiederhole ich hier es nochmal: Gewöhnt euch unbedingt – vor allem bei größeren Gruppen mit unterschiedlichen Kenntnissständen – das Zählen beim Üben an. Damit ihr das Zählen für euch selbst üben könnt, führt das Zählen einfach in eurer eigenen Gruppe ein. Sollten sich die Tänzer mal nicht dran halten, weist direkt darauf hin (z.B. „Ich hätte euch das auch gezählt“). Wenn ihr es konsequent macht, wird sich die Gruppe nach spätestens 3 Trainings größtenteils daran gewöhnt haben.
Nehmt die Vorbereitung der Tänze für euren Kurs ernst, denn mit hinreichender Vorbereitung könnt ihr den Lernerfolg und somit den Spaß am Tanzen für alle immens steigern. Fürs rechtzeitige Callen müsst ihr frühzeitig wissen, was ihr sagen wollt. Kennt die anzusagenden Tänze entweder auswendig oder nutzt Notizen, an denen ihr sofort erkennen könnt, was ihr einen Augenblick später sagen müsst.
Achtet beim Anleiten darauf, Strukturen im Tanz aufzuzeigen, damit sich die Tänzer daran orientieren können. Erklärt, wo die Tücken in einem Tanz liegen und wiederholt diese Passagen beim Üben lieber einmal häufiger als zu wenig. Für Wiederholungen sollten die Tänzer am besten Back to Places gehen, aber auch der Übergang zwischen den Strophen sollte nicht vergessen werden. Denkt daran zu erwähnen, was die Bäumchen tun müssen.
Insbesondere beim Üben, aber auch bei den ersten Durchgängen mit Musik müssen die Calls unbedingt rechtzeitig kommen, damit die Tänzer sich auf den nächsten Teil vorbereiten können. Callt dabei nur die relevanten Informationen und nutzt mit jeder Wiederholung der Musik weniger Calls oder fordert die Tänzer auf, auf gewisse Dinge zu achten (z.B. Covering, also paralleles Tanzen, Augenkontakt oder gebt Hinweise für Extradrehungen).